Achilles und die Geburt des Individuums

Achilles ist die zentrale Figur der Ilias. Für Frank Lassner ist er zudem die Ursprungsgestalt des Individuums: Er ist der erste Mensch unserer Literaturgeschichte, der aus der Gemeinschaft und den urzeitlichen Ritualen heraustritt und dadurch zu Freiheit und eigenen Entscheidungen fähig wird.

Achilles Buchcover Dummy

Erscheint Winter 2026

Achilles in Homers Ilias

Achilles ist einer der größten Helden der griechischen Mythologie und die zentrale Figur in Homers Epos Ilias. Als Sohn des Königs Peleus und der Meeresgöttin Thetis zieht er mit den Griechen in den Trojanischen Krieg. Dort wird er zu ihrem gefürchtetsten Kämpfer, der die Trojaner verzweifeln lässt und dem große Bewunderung zuteil wird. Die Ilias erzählt von 51 Tagen im neunten Jahr dieses zehnjährigen Krieges. In diesen 51 Tagen hat Achilles all die Dinge getan, die ihn unvergesslich machen.

Im Mittelpunkt der Achilles-Geschichten steht Achilles' Konflikt mit Agamemnon, dem Anführer des griechischen Heeres. Agamemnon demütigt den Achilles die Ehre Achilles. Als dieser ihn öffentlich in seiner Ehre verletzt, weigert sich Achilles weiterzukämpfen und zieht sich zurück. Die Griechen geraten dadurch zunehmend in Bedrängnis. Erst als sein engster Freund Patroklos von Hektor, dem wichtigsten Kämpfer der Trojaner, getötet wird, kehrt Achilles auf das Schlachtfeld zurück. Von Trauer und rasendem Zorn getrieben, tötet er Hektor mit unglaublicher Brutalität und schändet dessen Leichnam.

Doch all seine Wut und Rache können die Trauer um Patroklos nicht lindern. Ganz im Gegenteil. Am Ende der Ilias geschieht schließlich etwas Unerwartetes: Hektors Vater Priamos wagt sich in das Lager seines Feindes und bittet Achilles um den Leichnam seines Sohnes. Es wäre ein Leichtes für Achilles, seinen Zorn auch an Priamos auszutoben. Doch stattdessen lässt er seine Trauer zu, gibt Hektors Körper zurück und ermöglicht ihm eine würdige Bestattung.

Achilles Wahre Stärke zeigte sich, als er nicht kämpfte

Der Bruch mit der Gemeinschaft

Achilles' eigentlicher Mut zeigt sich nicht nur im Kampf. Als er im Konflikt mit seinem Heerführer Agamemnon steht, entscheidet er sich nicht mehr zu kämpfen, solange er ungerecht behandelt wird. Er stellt sich damit auch gegen seine Kameraden und Freunde, die seine Entscheidung nicht nachvollziehen können. Agamemnon bietet ihm größte Reichtümer an. Aber Achilles bleibt sich selbst treu.

Er stellt sich selbst die Frage, wie er noch in den Spiegel schauen kann, wenn er seine Ideale verrät. Und er ist nicht bereit, einem Herrscher zu dienen, der sich selbst nicht an seine eigenen Werte hält.

Die Kosten der Freiheit

In frühen Gemeinschaften war das Überleben des Einzelnen eng an die Gruppe gebunden. Sich gegen sie zu stellen, bedeutete meist komplette Isolation. Achilles entscheidet sich dennoch bewusst dafür, seinen eigenen Weg zu gehen. Er nimmt in Kauf, sich von seinen Gefährten zu entfernen und sie im Kampf gegen die Trojaner im Stich zu lassen.

Achilles muss die Einsamkeit aushalten, die seine Entscheidung mit sich bringt. Für Frank Lassner liegt gerade darin eine seiner größten Heldentaten: Achilles’ eigentlicher Mut besteht darin, sich nicht zu verbiegen und die Konsequenzen seiner Entscheidung zu tragen. Auch wenn das bedeutet, gegen die Erwartungen seiner Gemeinschaft zu handeln.

Wahre Freundschaft

Achilles entscheidet sich schon früh gegen den Weg, eine eigene Familie zu gründen, und zieht stattdessen in den Trojanischen Krieg. Mit den Myrmidonen führt er eine Gemeinschaft von Kameraden an, die ihm loyal ergeben sind und ihn zutiefst verehren. Auch zu anderen Kriegern wie Odysseus entwickelt er enge Beziehungen.

Am tiefsten ist seine Freundschaft mit Patroklos. Dessen Tod wird für Achilles zum erschütterndsten Erlebnis des Trojanischen Krieges. Es ist ein Verlust, über den er kaum hinwegkommt.

Für Frank Lassner hängt diese Fähigkeit unmittelbar mit Achilles’ Individualität zusammen. Er misst Menschen nicht an Rang, Herkunft oder Reichtum, sondern an ihren Taten und daran, wer sie für ihn als Mensch sind.

Aussöhnung mit dem Feind

Achilles wird immer wieder als brutaler Krieger dargestellt, dem es an Mitgefühl fehlt. Selbst seine eigenen Kameraden werfen ihm in der Ilias Hartherzigkeit vor, als er sich weigert, wieder in den Kampf einzugreifen.

Doch gerade Mitgefühl spielt am Ende seiner Geschichte eine entscheidende Rolle. Nach Patroklos’ Tod ist Achilles zunächst von Trauer und Rache getrieben. Erst als er seine eigene Trauer zulässt, wird er auch für das Leid eines anderen empfänglich: ausgerechnet für das von Priamos, dem Vater des Mannes, den er getötet und dessen Leichnam er geschändet hat.

Die Begegnung zwischen Achilles und Priamos gehört für Frank Lassner zu den außergewöhnlichsten Szenen der Literaturgeschichte. Für einen Moment verlieren die Grenzen zwischen Freund und Feind ihre Bedeutung. Für Frank liegt darin der eigentliche Kern der Ilias.


Warum Achilles heute aktueller ist denn je

Die Fragen in Achilles' Welt beschäftigen uns auch 3000 Jahre später noch:

Wie entsteht Entscheidungsfähigkeit?

Was unterscheidet Individualität von bloßer Selbstverwirklichung?

Welche Verantwortung entsteht, wenn ein Mensch wirklich frei sein will?

Freiheit
Entscheidung
Gemeinschaft
Einsamkeit
Erbarmen

ZWEI BÜCHER - ZWEI ZUGÄNGE ZU ACHILLES

Frank Lassner hat zwei Bücher über Achilles geschrieben. Die Nacherzählung bietet einen zugänglichen, erzählerischen Einstieg in den Mythos. Das große Werk enthält diese Geschichte ebenfalls, geht aber weit darüber hinaus: Es untersucht die Figuren, Motive und Konflikte der Ilias und verbindet sie mit der Frage, wie sich über Jahrtausende das Individuum entwickelt hat, das wir heute kennen.

Die Nacherzählung

Frank Lassner erzählt den Mythos des Achilles und die Geschichte der Ilias neu. Im Mittelpunkt stehen Achilles und die Menschen, die seinen Weg prägen: Agamemnon, Hektor, Patroklos und Priamos. Ihre Geschichte führt mitten hinein in den Trojanischen Krieg – in eine Welt voller Kämpfe, Freundschaft, Liebe, Verrat, Rache und großer persönlicher Entscheidungen.

Die Nacherzählung macht Homers fast 3.000 Jahre alte Geschichte für heutige Leser unmittelbar zugänglich. Ein Einstieg in die Welt des Achilles, der sich nicht wie ein antiker Klassiker liest, sondern wie eine Geschichte, die für heutige Leser geschrieben wurde.

Die große Deutung

Das große Werk erzählt die Geschichte des Achilles ebenfalls, bettet sie aber in ihre geistigen, kulturellen und menschlichen Zusammenhänge ein. Im Mittelpunkt steht die Entstehung des Individuums und die Frage, wie sich der Mensch über Jahrtausende aus den Bindungen früher Gemeinschaften löste und zu eigenen Entscheidungen fähig wurde.

Dafür greift Frank Lassner auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Menschheitsgeschichte, Mythologie, Religion, Anthropologie und weiteren Forschungsgebieten zurück. Trotz dieser Tiefe bleibt das Buch erzählerisch und schafft es, die Geschichte so spannend wie einen Thriller zu erzählen.

Achilles bildet zugleich den Ausgangspunkt einer geplanten Buchreihe über große mythische Gestalten und ihre Bedeutung für den Menschen von heute. Weitere mögliche Bände beschäftigen sich unter anderem mit Odysseus, Orestes, Medea, Gilgamesch, Theseus und Herakles.

Die großen mythen neu erzählt

Erhalten Sie neue Texte, Videos und Gedankenanstöße von Frank Lassner zu Achilles, Odysseus und den großen Mythen unserer Kultur.